Review
Age of Conan als Genrereferenz angetreten
Funcom ist angetreten, mit Age of Conan ein Referenzspiel im MMOG- Genre zu präsentieren. Nicht nur grafisch sollte der Titel überzeugen, sondern auch mit einem revolutionären Kampfsystem und außergewöhnlichem PvP aufwarten. Als „Windows Vista Launch Titel“ war die volle Nutzung der durch DirectX10 gebotenen Möglichkeiten angekündigt.
Mit all diesen Aspekten hatte Funcom bis Ende Mai kräftig die Werbetrommel gerührt. Dementsprechend groß war der Ansturm auf die Geschäfte, als das Spiel veröffentlicht wurde. Bereits wenige Tage später vermeldeten einige große Händler den Ausverkauf der DVD's. Insbesondere die wenigen ungeschnittenen EU- Versionen und die Sammlerausgaben waren in Windeseile vergriffen.
Seitdem ist der erste Monat vergangen und die Aufregung hat sich etwas gelegt. Noch immer arbeitet Funcom mit regelmäßigen Patches fieberhaft an der Verbesserung des Spiels. Trotzdem mag sich bei dem einen oder anderen Spieler die große Freude nicht so recht einstellen. Schon gibt es die ersten Threads in den Foren, die sich mit einem angeblichen Spielerschwund befassen. Johannes "Waldgeist" Rebhan, der deutsche Community Manager, widerspricht deutlich:
Die Statistiken der Server sprechen eine ganz andere Sprache. Alle Server sind fast durchgehend gut gefüllt und auch die 95% Spieler, die angeblich aufhören entsprechen nicht der Wahrheit. [Quelle]
Neben unseren eigenen Spielerfahrungen möchten wir euch hier einen Überblick verschaffen, wie die Onlinepresse das Spiel beurteilt hat. Die Vermutung liegt nahe: es gab nicht nur Lob.
Grafik & Sound
Mit der hauseigenen Dreamworld- Engine hat sich Funcom daran gemacht, Robert E. Howards Vision von Hyboria umzusetzen. Alle sind sich einig: es ist großartig gelungen. Keiner der Redakteure hat hier größere Kritikpunkte anzumerken.
Das Ambiente ist fantastisch, auch wenn im Zuge der Performanceoptimierung (zunächst) Abstriche gemacht werden mussten. So wurde beispielsweise auf die Animation der Bäume verzichtet, die in der Beta noch für einige Ruckler gesorgt haben soll. Eine der größten Kröten, die die Spieler schlucken mussten, war für viele jedoch das Fehlen der umfangreich angekündigten DirectX10- Unterstützung. Diese wurde kurzerhand auf August diesen Jahres verschoben, wo sie auf der Gamesconvention in Leipzig vorgestellt werden soll.
Kleinere Unregelmäßigkeiten tauchen hier bei den NSC- und Charaktermodellen auf, wo geschulterte Waffen schonmal wie von Geisterhand in respektablem Abstand hinter dem Spieler daherschweben oder frech unter dem Umhang hervorlugen.
Einige Autoren weisen auf lästiges Hängenbleiben des Charakters an bestimmten Texturen hin. TenTonHammer bringt es auf den Punkt:
Wenn ich mit meinem Charakter umherlaufe, bleibt er an bestimmten Texturen hängen und zwingt mich vorbei zu springen oder irgendeinen Weg außenherum zu finden. Kein großes Problem, außer du bist mit einer Gruppe im automatischen Folgen (Follow) unterwegs und findest dich plötzlich ohne Gruppe und umringt von niederträchtigen Kreaturen wider. Ein weiteres Minus sind die mit der Detailtiefe einhergehenden, hohen Hardwareanforderungen. So braucht es auf jeden Fall mehr als die angegebene Mindestkonfiguration, um wirklich Spaß am Spiel zu haben. Insgesamt wird Age of Conan als grafisches Prachtstück betrachtet. Einige der Kritiker sprechen tatsächlich von der Genrereferenz, womit Funcom zumindest in diesem Punkt das Ziel erreicht hätte.
Uneingeschränktes Lob gab es von allen Seiten für den Sound im Spiel. Sowohl der Soundtrack als auch die Geräuschkulisse lassen keine Wünsche offen. Alles trägt zu einer fesselnden Atmosphäre bei, wie es sie aus Sicht der Kollegen bisher noch in keinem MMORPG gegeben hat.
Das neuartige Kampfsystem
Ein Filetstück von Age of Conan ist zweifelsfrei das aktive Kampfsystem. Dabei bilden lediglich die reinen Caster eine Ausnahme, die keine Nahkampffähigkeiten zur Verfügung haben und eher nach Standard- MMO- Schema gespielt werden. Einzig die Möglichkeit des Zauberwebens (Spellweaving) hebt diese Klassen von den sonst in RPG's anzutreffenden ab. Das sieht zwar gut aus, wiegt jedoch die grundsätzliche Umorientierung bei den Nahkämpfern keineswegs auf.
Mit dem Verzicht auf automatisches Angreifen (Autoattack) und den dafür eingeführten Schlagrichtungen bei den Nahkämpfern ist Funcom einen absolut neuen Weg gegangen. Dieser war nicht ohne Stolpersteine, denn nach dem offenen PvP- Wochenende während der Betaphase klagten viele Spieler über die umständliche Handhabung. Doch war dies damals dem Sprung in das kalte Wasser geschuldet - spätestens wenn das Startgebiet Tortage verlassen wird, hat man sich an die Steuerung gewöhnt.
Die Kombos finden überall großen Anklang - Idee, Animationsumsetzung und "Spaß am Zuschlagen" sind vielgelobte Punkte. Zusätzlich gibt es die Möglichkeiten des aktiven Blockens, das gerade überarbeitet wird, sowie des Umschaltens der Verteidigungsrichtung ("Schilde"). Insbesondere letzteres wird auch durch die NSC- Gegner genutzt, die ihre Verteidigung während des Kampfes je nach Verhalten des Spielers neu ausrichten. Einziger wirklicher Kritikpunkt ist eine gewisse Unübersichtlichkeit bei Kämpfen gegen mehrere NSC und in Gruppen. Eurogamer fasst zusammen: Das Ergebnis ist ein System das schnell und fesselnd ist, dabei herausfordernd aber dennoch grundsätzlich intuitiv.
Charakter
Auf Anerkennung stößt die detaillierte Charaktererstellung ebenso wie die Möglichkeiten die Fähigkeiten seines Avatars individuell zu entwickeln. Es bietet sich mit der Justierung der Skills (allgemeine Fähigkeiten wie Klettern, Verstecken, etc.) und der Feats (charakterspezifische Fähigkeiten wie Erhöhung von Schaden mit bestimmten Waffen oder Verbesserung der Wirkung von Heilsprüchen usw.) derartig viel Auswahl, dass die perfekte Zusammenstellung ("Build") noch nicht gefunden ist.
Als großer Malus wird nahezu einhellig die kaum wahrzunehmende Veränderung der Ausrüstung angesehen. So kommt es dazu, dass man oftmals über längere Zeit trotz Wechsel der Bekleidung kaum äußerliche Veränderungen feststellen kann. Auch wird bemängelt, dass gute Gegenstände im Allgemeinen nur über das Erfüllen von Quests zu bekommen sind. Bei Standardgegnern sucht man diese vergeblich und sogenannte Bosse lassen auch nicht immer etwas brauchbares fallen.
Eurogamer weist auf ein Detail hin, das in den anderen Reviews untergegangen ist: Die Dichte von neu erworbenen Fähigkeiten und Kombos nimmt nach dem Erreichen von Level 20 deutlich ab, was zu Motivationsproblemen führen könnte.
Quests
Großes Lob erfährt der Bereich Tortage und gerade der Nachtmodus für seine Quests von allen Seiten. Doch auch die übrigen Aufgaben sind für die Kritiker zufriedenstellend. Golem will einen zu starken und nervigen Schwerpunkt bei den sogenannten Fed-Ex-Quests, also Botengängen, festgestellt haben. TenTonHammer dagegen ist voll des überschwänglichen Lobes: In vollem Ernst, die Schreiber und Geschichtenerzähler haben bei jeder Quest, die dem Spieler begegnet, einen fantastischen Job gemacht.
Spieleflut allerdings bemängelt die zu geringe Herausforderung und klassifiziert das Questsystem als im Wesentlichen aus "laufe dem Pfeil nach" - Aufgaben bestehend. Insgesamt können wir wohl festhalten, dass hier bis auf die Ausnahme der Soloquestreihe zu Beginn im Grunde normale MMO- Kost serviert wird.
Standardmuster eines MMO- Launches
Weil es aus meiner Sicht stimmig ist und noch dazu treffend formuliert, möchte ich mit einem Zitat von IGN beginnen: Das Spiel ist bemerkenswert dicht am Standardmuster eines MMO- Launches dran - fehlende Inhalte, Balanceprobleme und viele Bugs.
Fehlende Inhalte
Funcom hat inzwischen den von vielen Seiten kritisierten Mangel an Spielinhalten in bestimmten Levelbereichen eingestanden und weitere Quests und Gebiete in Kürze angekündigt. Eurogamer lobt allerdings, dass überhaupt schon High- End- Inhalte im Spiel vorhanden sind - nicht immer eine Selbstverständlichkeit.
Doch nicht nur die abnehmende Questdichte, sondern auch die insgesamt mit zunehmendem Level abnehmende Qualität der Gesamtumsetzung wird kritisiert. Auch wenn es nicht den Riesenbug gäbe, so würden sich die kleineren Fehler zu einem größeren Problem anhäufen. Diese Aussage muss man wohl spätestens mit dem nun doch aufgetauchten Megabug relativieren, der eine Ungleichheit der Angriffsgeschwindigkeiten zwischen weiblichen und männlichen Charakteren hervorruft. Es werden wohl noch einige Wochen ins Land gehen, bis Funcom hier Abhilfe schaffen kann.
Weiterhin fehlt bisher ein echtes PvP- System und auch die viel umworbenen Belagerungen sind bisher eher problematisch.
Balance
Obwohl keine der Klassen wirklich defekt oder vollständig unbalanciert ist (Eurogamer), hat Funcom bereits mit dem sogenannten Revamp, dem Überarbeiten der Klassen, begonnen. Vor kurzem wurde der Nekromant stark verändert, was in der Community nicht unbedingt immer auf Verständnis traf. Bei TenTonHammer wurde dies allerdings als willkommene Verbesserung und gute Verschiebung in Richtung einer sogenannten Petklasse begrüßt .
Es ist zu erwarten, dass auch die anderen Klassen nochmals umgebaut werden. Beim Dämonologen ist das bereits definitiv angekündigt. Der Drahtseilakt, eine Balance sowohl für das PvE als auch das PvP zu finden, wird Funcom wohl noch eine Weile beschäftigt halten.
Bugs und andere Ärgernisse
Unspielbare Quests sind schon ein Ärgernis an sich, gerade weil man oftmals erst nach einigen Schritten feststellt, dass da etwas nicht stimmt. Eine unspielbare Schicksalsquest allerdings, die einen vom Weiterspielen abhält, ist mehr als das - sie ist eine Peinlichkeit. Inzwischen hat Funcom einen ganz eigenen Weg gefunden, das Problem zu lösen: Man kann die betroffene Schicksalsquest mit einem zusätzlich eingefügten Dialog überspringen. Das sieht nicht nur komisch aus, sondern ist auch ein handfester Stimmungskiller.
Nun soll es Spieler geben, die zum Beispiel die Fähigkeit Klettern vernachlässigen, um andere Dinge höher einstellen zu können. Falsch gedacht! Wieder inmitten der Schicksalsquest gibt es plötzlich einzig und allein die Möglichkeit, mit Klettern weiterzukommen. Das bedeutet den Umbau des Charakters, was auch noch Geld kostet und im Zweifel sogar richtig teuer werden kann, wenn man schon einige Male justiert hat. Dies sind nur zwei herausgegriffene Ärgernisse, die leicht hätten vermieden werden können.
Es würde den Rahmen sprengen, bei allen Fehlern ins Detail zu gehen, daher möchte ich zumindest die Wichtigsten bennen.
- Das Crafting ist bisher ohnehin nur rudimentär integriert, doch das was vorhanden ist, ist zu allem Überfluß auch noch voller Fehler.
- Die Benutzeroberfläche (User Interface) ist für einige ein Ärgernis, auch wenn es da schon Abhilfe durch selbst gestaltete Varianten gibt.
- Die Möglichkeiten zu Reisen werden reichlich kritisiert. Zur Zeit ist Suizid noch die beste Variante, um schnell von A nach B zu kommen.
- Das Reloggen gestaltet sich umständlich, da vollständig ausgeloggt wird und man zwecks Charakterwahl seine Daten wieder neu eingeben muss.
- Die zunehmend auftauchenden Goldfarmer senden schon jetzt fleißigst persönliche Nachrichten und Ingamemails. Bisher gibt es keine Antwort von Funcom mit einem entsprechenden Konzept.
- Die Instanzierung wird insbesondere im Zusammenhang mit dem Zusammenfinden einer Gruppe als großes Problem benannt.
- Die unfertige Lokalisation ist gerade für diejenigen mit Problemen verbunden, die des Englischen nicht mächtig sind.
- Die grundsätzlichen Gruppen- und Gildenfunktionen sind mehr als dürftig.
- Benutzer von ATI- Grafikkarten sind zur Zeit noch benachteiligt, Funcom hat Abhilfe zugesagt.
Ein Wort mehr muss zum Support gesagt werden. Fast alle Redakteure haben sich an dieser Stelle negativ geäußert. Auch aus den Foren ist bekannt, dass der Kundenservice zu wünschen übrig lässt. Antworten auf E- Mailanfragen lassen oft lange auf sich warten. Im Spiel erstellte Petitionen werden nicht beantwortet oder aufgrund des viel zu kurz eingestellten Timers kommentarlos gelöscht. Funcom hat dazu bereits verlauten lassen, der unterschätzte, große Ansturm auf das Spiel habe eine Überforderung dargestellt und man arbeite an schnellstmöglicher Verbesserung.
Schon sehr früh wurden zur Unterstützung die sogenannten "Followers of Asurad" ins Leben gerufen - Spieler mit besonderen Rechten, die anderen helfen sollen - die jedoch bisher nicht sichtbar auf den Servern aufgetaucht zu sein scheinen.
Fazit
Zwei der Fazite möchte ich herausgreifen, nicht unbedingt weil sie unsere ungeteilte Zustimmung haben, sondern weil sie bemerkenswert sind:
Zwölf spannende Klassen, eine prächtige Welt, Story- Spannung und unzählige Missionen: Age of Conan ist das wichtigste und beste Onlinerollenspiel seit World of Warcraft und Herr der Ringe online - trotz einiger Schwächen.
~golem
Obwohl das Spiel noch verbessert werden muss, haben die Entwickler von Funcom eine echte Widmung an Robert E. Howards Arbeit geschaffen. [...] Ich nehme an, dass Howard höchstselbst stolz auf dieses epische Abenteuer wäre.
~TenTonHammer
Age of Conan ist aus unserer Sicht einen Blick Wert. Noch ist lange nicht alles beendet, was Funcom sich vorgenommen hatte. Doch ist es - leider - inzwischen schlechte Tradition im MMORPG- Genre geworden, dass Spiele halbgar auf den Markt losgelassen werden. Es mag Gründe dafür geben, allein für den Kunden ist es ein großes Ärgernis.
Dennoch macht das Spiel großen Spaß, wenn man die entsprechende Fehlertoleranz mitbringt. Ein dickes Fell hat man als Onlinespieler ja ohnehin inzwischen entwickelt. Die Kaufentscheidung ist eine Frage des Vertrauens in die Entwickler und der Hoffnung - der Hoffnung auf schnelle Besserung.
Wertungen
Hier die Wertungen im einzelnen, jeweils mit Quellenlink:
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